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Presse

Allgäuer Zeitung   (April 2013)

Bizarrer Betriebsausflug mit tragischem Ende

Premiere Theaterensemble „Allgäu-Pfeffer“ inszeniert Sibylle Bergs Satire „Hauptsache Arbeit“ spannend und beklemmend

Weitere Aufführungen am Samstag und Sonntag

 

Kempten Die Situation der Protagonisten auf der Bühne ist hinlänglich bekannt und gerade in Zeiten der Finanzkrise topaktuell. Die Angestellten eines Versicherungskonzerns arbeiten bis an den Rand der Belastungsgrenze, strampeln seit vielen Jahren durch den Arbeitsalltag, beugen sich dem allgegenwärtigen Konsumterror und verpassen dabei ganz nebenbei ihr Leben. Normalität und Verzweiflung liegen in Sibylle Bergs Stück „Hauptsache Arbeit“, das die Theaterwerkstatt Allgäu-Pfeffer im Theater-Oben des Stadttheaters in Kempten eindrucksvoll auf die Bühne brachte, nah beisammen. Der Betriebsausflug mit dem machtversessenen Chef auf einem Vergnügungsdampfer entwickelt sich schnell zur bizarren Selbsterfahrungsreise, die schließlich im kollektiven Ausklinken aus dem Hamsterrad, sprich dem Selbstmord gipfelt. Regisseur Josef Faller beginnt mit dieser prägnanten Schlussszene das Stück. Am Steuerrad des Schiffs hängt leblos der Versicherungschef. Um ihn herum liegen die Leichen seiner Angestellten, nur die Ratten (Wolfgang Hebenstreit, Susanne Betz, Gabriele Sodeur) sind noch auf dem Deck und kommentieren sarkastisch das Geschehen. Wie es dazu kam, wird im Laufe des Stücks aufgedröselt.

Der Chef: seelisch deformiert

Ein seelisch Deformierter führt die Truppe an. „Ich bin verdammt überqualifiziert für das Leben“, urteilt der sich an seiner Machtposition berauschende Chef (überzeugend Christoph Müller). Geld, Anerkennung, Designeranzüge, Frauen – alles scheint er im Überfluss zu haben, doch ohne stete Beschäftigung schwindet die Souveränität, und dahinter kommt die pure Verzweiflung zum Vorschein. Seine Mitarbeiterinnen vergewaltigt er hin und wieder mit einer Tüte über dem Kopf. Mehr menschlicher Kontakt ist ihm nicht möglich. Sein Leitmotiv: Nur Versager leisten sich Moral. Sechs Passagiere machen die Reise mit, spulen die zu erwartenden, stereotypen Sprüche ab („Ich arbeite gerne!“, „Ich verdiene gerne weniger!“) und harren der Dinge, die auf sie warten. Da gibt es den un-glücklichen Marathonläufer (David Welz), den spießigen Bürohengst (Rainer Lenzenhuber) mit Arbeitsplatzblog, den sinnsuchenden Expunk (Ulrike Rogg), die magersüchtige Trinkerin (Anna Hindelang), die alternde Träumerin (Beate Schmid) und das naive Frauchen (Sabine Henle). Das Leben verpassen sie irgendwie alle. Die Selbstreflexion an Deck wird schnell zum zynischen Kampf um den Arbeitsplatz, teils witzig skurril befeuert von drei Ratten, einer sogar in Gestalt eines Motivationstrainers (Wolfgang Hebenstreit). Die Motivationsratte quält die Betriebfest- Runde schließlich mit erniedrigenden Wettbewerben, bis sich die armen Angestellten auch noch selbst gegenseitig mit Stromschlägen foltern. Das Ende: vorprogrammiert. Bis zum Schluss hält das Ensemble die Spannung. Tragik und Komik verstärken sich gegenseitig und regen zum Nachdenken an. Riesenapplaus für eine gelungene Inszenierung.

 

Weitere Aufführungen Samstag, 6. April (19 Uhr), Sonntag, 7. April (16 Uhr). Karten: AZ-Service-Center.

VON ANDREA BÖLLE

 


 

Allgäuer Zeitung   (November 2011)

Eine gallige Weihnachtssatire

Als ein skurriles, bizarres und abgedrehtes Weihnachtsmärchen mit brachialem Inhalt, fern von moralischen Grundsätzen, präsentierte sich in Rückholz das Stück „Weihnachten bei Ivanovs“ von Alexandr Vvedenskij in einer Aufführung der Theaterwerkstatt AllgäuPfeffer.

Mord, Sex, obszöne Witze, Anklage, Polizeiwache, Irrenhaus in Verbindung mit dem ersehnten Weihnachtsbaum, diese Absurditäten führten in eine surrealistische Welt, die wahrlich nichts mit der realen Vorstellung einer Weihnachtsfeier in einer russischen Familie zu tun hat.

Und dennoch blieb bei all dem Nonsens der Tiefgang erhalten.

Die gallige Satire, die philosophische Poesie, die humorigen Anspielungen, führen zu Einsichten, die zeitlos sind und ohne weiteres auf die Gegenwart übertragen werden können. Bei all dem Schrecken ist befreiendes Lachen notwendig.

Dafür sorgten die Protagonisten mit ihrem heiteren Spiel im Panoptikum des Phantastischen. Sie schlüpften gekonnt in die Vielzahl der Rollen, wie der Kinder vom einjährigen altklugen Kleinkind bis zum sechsundsiebzigjährigen Jungen, der irren Amme, die die rotzfreche Sonja im Badezuber köpft, der trauernden Eltern, die am Sarg der Tochter ihr Liebesspiel treiben, der Waldarbeiter, die wie Soldaten aufmarschieren und viele andere.

Die fünftägige harte Arbeit im Workshop mit Professor Jurij Vasiljev bezüglich der Stimmführung, der Lockerheit der Gestik, der Leichtigkeit der Bewegung, der Pantomimik - vorzüglich aufgewiesen bei den Tieren - hatte sich gelohnt.

Die von außen gegebenen Regieanweisungen erwiesen sich als hilfreich für das Kaleidoskop der Szenen, die anschaulich und pfiffig dargestellt wurden. Der Tod aller Familienmitglieder vor dem weihnachtlichen Tannenbaum, dargestellt von der Leiche, war traurig, machte aber nicht betroffen.

Großer Respekt für die Teamleistung der Amateurbühne!

Viel Beifall gab es von den Zuschauern, die anschließend eine Menge Gesprächsstoff hatten.

(Artikel: Klaus Bielenberg, Foto: Edith Bielenberg)

 


 

Allgäuer Anzeigeblatt / Allgäuer Zeitung (2011)

Totenkopf an der Hochzeitstafel

 „Allgäu-Pfeffer“ bringt Schimmelpfennig-Stück mit beeindruckenden Bildern auf die Bühne

Von Jana Schindler

Kempten

„Das macht doch nichts, dass wir die Geschichte schon kennen. Dafür sind Geschichten doch da, dass man sie wieder und wieder erzählt“, beschwichtigt Ilse die gereizte Hochzeitsgesellschaft. Was bei Tisch an Familienfesten enervierend sein kann, ist das unerlässliche Futter des Theaters. Auch in Roland Schimmelpfennigs Stück „Hier und Jetzt“, uraufgeführt 2008 in Zürich, wird eine uralte Geschichte einfach wieder neu erzählt: die Geschichte von Untreue und Ehebruch. Die Theatergruppe „AllgäuPfeffer“ legt im Theater-Oben des Kemptener Stadttheaters unter der Regie von Josef Faller eine beeindruckende Ensembleleistung hin, die von der Spannung zwischen Musical-Plattitüden und der Kraft griechischer Tragödien lebt.

Starke Rhythmisierung ist das wichtigste stilbildende Prinzip der Inszenierung eines Stückes, das ja kein dramatischer Text als solcher ist. Es ist eher ein Netzwerk aus poetisch-skurrilen Naturbeschreibungen, realen Szenen und Erzählungen über das Ehebruchsdrama sowie Dialogfragmenten, die oft nur angerissen, verworfen und an anderer Stelle wieder aufgenommen werden. Rollen überschneiden sich oder werden chorisch gesprochen. Dazwischen setzt die Regie Lieder, meist englische, thematisch aufs Geschehen bezogene Evergreens, vom Ensemble live gesungen und gespielt.

Die Dekadenz der Hochzeitsgesellschaft findet als Materialschlacht auf der Hochzeitstafel statt. Volle Spaghetti- und Suppenschüsseln, Trauben, Brot, Häppchen und haufenweise Gläser türmen sich darauf. Man hält sich ans Essen und Saufen, um nicht zu schlagen, um nicht zu offensichtlich seinen Nachbarn zu begehren oder einfach nur, um nicht laut aufzuschreien.

Eine strickende Frau (Julia Hackenberg) fragt in zuverlässigen Abständen ihren Säugling im Kinderwagen: „Na, und was sagst du dazu?“ Eine junge Frau (Susanne Betz) in zerrissenen Strumpfhosen, will unflätig und rülpsend unbedingt anders sein. Ingrid (Gabriele Sodeur) zieht über andere her, während sie sich ziemlich eindeutig an ihrem viel zu jungen Tischnachbarn vergreift. Ilse (Beate Schmid) versucht vergeblich die Contenance zu wahren, die eigene und die der ganzen Gesellschaft.

Absurd, skurril und überdreht sind oft die Figuren, aber nie das Spiel. Alle arbeiten sie gegen Alter, Verfall und Tod. „Hier und Jetzt“ ist ein Stück über die Sehnsucht nach Leben. Vor allem verkörpert durch Katja (Ulrike Rogg), die sich von ihrem Mann Georg (Wolfgang Hebenstreit) nicht mehr begehrt fühlt. Im Elektromarkt wird sie Martin (Ulrich Welz) verfallen. Triefend vor Ironie der Kampf zwischen Georg und Martin als Ritterkampf, stellvertretend ausgetragen von Tilo (Andreas Werner) und Peter (David Welz, auch an der Gitarre) mit überdimensionierten Schwertern.

Der Dauerbrenner, auch des Publikums, war das Schwärmen Lothars (Rainer Lenzenhuber) von drallen Weiberärschen. Die Natur des Menschen bleibt eben immer gleich, nur die Gefühle wechseln wie die Jahreszeiten. Und der Tod in Gestalt eines Totenkopfes weilt dabei die ganze Zeit unter ihnen. Wie eine heiße Kartoffel wandert er von einem zum anderen, trägt Ilses lila Hut und bleibt am Ende bei Martin, der ihn küsst.

Ein etwas zu langer Theaterabend voller bedeutungsschwerer Requisiten und musikalischer Leichtigkeit. Langer Applaus für Regie und Ensemble.

 


 

Allgäuer Anzeigeblatt / Allgäuer Zeitung (2008)

Mitten im täglichen Wahnsinn

Theater Skurril und überdreht: Die Medienschelte des Ensembles Allgäu-Pfeffer

 

Von Jana Schindler | Kempten

Sie reden übers Klonen und merken nicht, dass sie selbst nur billige Kopien des Medienzirkus sind, dem sie sich bereitwillig unterworfen haben - die Herausgeber, Moderatoren, Schauspieler oder Politiker. In der neuesten Inszenierung der Medienfarce «Blaupause» des mehrfach ausgezeichneten Dramatikers Ulrich Hub öffnet Regisseurin Simone Schatz mit dem Ensemble Allgäu-Pfeffer die Türen eines Panoptikums der omnipräsenten Me-dienmacht.

In den zwölf Szenen (plus Prolog und Epilog) - beispielsweise eine Transvestitennummer, eine Talkshowrunde, eine Szene unter Gerichtsmedizinern oder in einem Redaktionsbüro - werden kurze Abrisse über das «Making-of», aber auch über das Sterben eines Medienstars gegeben. Valerie Posch, ein Supermodell, über deren Busen und seine Echtheit sich das ganze Land das Maul zerreißt, soll die Hauptrolle im Thriller «blueprint», einem Film über menschliche Klone, spielen.    Sie selbst existiert aber nur als mediale Erscheinung und tritt nie auf. «Die Posch existiert nur, so lange wir über sie reden», heißt es. In dem Moment, als die Security-Guards (Christoph Müller, Rainer Lenzenhuber, Norman B. Graue) nicht über sie sprechen, kommt die Nachricht, dass sie verschwunden ist.  Das temporeiche Stück zeigt eine Welt der Identitätsverluste und stellt Fragen nach Realität und Fiktion, nach Wahrheit und Schein. Aus dem achtköpfigen Ensemble, das mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit, Spielfreude und vollem Körpereinsatz in den über zwei Stunden in 43 verschiedene Rollen eintaucht, hat die Regisseurin alles herausgeholt, was die Medienwelt so schrill, skurril, überdreht und grotesk erscheinen lässt.  Die eingesprochenen Nachrichten in den Umbaupausen zwischen den Szenen - ob Haiders Unfalltod, Reich-Ranickis Medienschelte oder Angelina Jolies Stillbusen - sind so topaktuell, dass die Zuschauer tatsächlich glauben könnten, dem täglichen Wahnsinn ausgesetzt zu sein. Zeitgeist wird abgebildet, aber Zeit-geist ist eben auch vergänglich. Und so bleiben die Figuren gepauste Abziehbilder und das Geschehen an der Oberfläche.     

Die Wirklichkeit der Medien. Die fünfte Szene, in der eine Frau (eindrucksvoll Ulrike Rogg) ihren Mann (Wolfgang Hebenstreit) im Fernsehen sieht und dabei merkt, dass sie ihn nur lächerlich findet und schon lange nicht mehr liebt, erscheint die Frage, welche Wirklichkeit die Medien konstruieren in einem anderen Licht. Solche Brechung, Hintergründigkeit und Konzentration wie in dieser Szene hätte man sich noch öfter gewünscht.


 

Allgäuer Anzeigeblatt / Allgäuer Zeitung  (2003)

Geschlachteter Sündenbock

Drastisch: Theatergruppe „AllgäuPfeffer“ serviert in Immenstadt die böse Satire „Paniertes“

Von Veronika Krull

Immenstadt
Die Fassade ist freundlich: Zwei Familien treffen sich an einem großen, ansprechend dekorierten Tisch zu einem gemeinsamen Mahl. Gastgeberin Therese hat ihre Kochkünste in köstlich panierten Schweineschnitzeln erstarren lassen. Gepflegte Tischmusik erklingt, etwas gespreizte Höflichkeiten werden ausgetauscht. So weit, so gut. Wäre da nicht zu Beginn der gestelzt heiteren Tafelrunde eine zerrissene Gestalt aufgetaucht, eine junge Frau, die mit leicht verstörtem Gesichtsausdruck auf Therese und ihren Gatten Reinwald deutet: Zu dieser Frau, zu diesem Mann habe sie seinerzeit gehört.
So startet das Stück „Paniertes“ der jungen österreichischen Autorin Margit Mezgolich, in Szene gesetzt von der Kemptner Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“ im Hofgarten zu Immenstadt. Eineinhalb Stunden am Stück spielen die acht Schauspieler unter der äußerst einfühlsamen Regie von Johanna Tögel. Die Szenen sind eindringlich, bisweilen drastisch und hinterlassen bei den Zuschauern ein beklemmendes Gefühl.
S., das geistig etwas zurückgebliebene Mädchen, eine Pflegetochter von Therese und Reinwald, unterbricht immer wieder das fröhliche Schmausen und kratzt an der aufgesetzten Fassade, bohrt den Finger in die Panade und offenbart das wahre Gesicht der Akteure. Reinwald hatte mal ein Verhältnis mit Sybilla, Sybillas invalider Ehemann ertränkt seine Probleme in Alkohol, Thereses Bruder Hubert verging sich an seiner Nichte Scarlet, Therese klaut wie ein Rabe ...
„Das Es“, wie die später von ihren Pflegeeltern verstoßene junge Frau als Abkürzung für „Schwein“ oder auch als quasi gesichtsloses Neutrum bezeichnet wird, ist Zeugin dieser Verfehlungen und muss schließlich als Sündenbock herhalten. Gemeinschaftlich bemächtigt sich die feine Gesellschaft des Mädchens und bringt es um, schlachtet es regelrecht ab mit einem Stich in die Halsschlagader – wie ein Schwein eben. Oft genug hatte es ja zuvor geheißen: Es frisst, es stinkt.
Überaus eindringlich ist das Spiel der kleinen und engagierten Laientruppe. Sie alle agieren wie Profis, ein jeder geht in seiner Rolle auf, als sei sie ihm auf den Leib geschrieben. Christine Fleischhauer als S. gelingt es, die Figur der Außenseiterin sehr präzise darzustellen, Gabriele Sodeur ist eine ebenso verführerische wie gezierte Sybilla und ihre brave Tochter Antonia, die so herrlich ausflippen kann, wird sensibel nachgezeichnet von Ulrike Rogg.
Christoph Müller als „Leitwolf“ Reinwald, seine perfekte (Haus-)Frau Therese alias Eva Marischka, aber auch Nadine Schneider als die missbrauchte und zynische Tochter Scarlet und ihr schmieriger Onkel (Rainer Lenzenhuber) sowie der steifbeinige Georg (Wolfgang Hebenstreit) als Anhängsel der kraftvollen Sybilla – sie alle tragen mit dazu bei, dass die Zuschauer nachhaltig beeindruckt den Heimweg antreten.

Auf ihrer kleinen Allgäu-Tournee wird die Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“ mit ihrem Stück „Paniertes“ auch in Sonthofen ein Gastspiel geben: am Samstag, 29. März, im Haus Oberallgäu.

 


 

Allgäuer Anzeigeblatt / Allgäuer Zeitung (02.11.2002)

Ein Spiel mit der Glaubwürdigkeit

Theatergruppe AllgäuPfeffer erarbeitet sich in einem Workshop Kohouts "So eine Liebe"

Stefan Nowicki, Kempten/Immenstadt –

"Nochmal, bitte!" Die Worte müsste Professor Jurij Vasiljev schon akzentfrei in unserer Sprache können. Er sagt sie aber auf Russisch, und der Simultanübersetzer wiederholt sie so selbstverständlich, wie sich die Schauspieler wieder neu konzentrieren und einen neuen Anlauf zu der eben probierten Szene nehmen. Die Schauspieler, das sind neun Frauen und Männer der Kemptener Theaterwerkstatt "AllgäuPfeffer". Im Internat der Berufsschule Immenstadt sammeln sie praktische Erfahrungen bei einem Intensivkurs mit einem Theaterexperten. Weit kommen die Laien in diesem Moment allerdings nicht mit ihrer Darstellungskunst: Sie werden wieder unterbrochen von einer Welle russischer Wörter und hören, was der Übersetzer sagt, ohne den Blick von Jurij Vasiljev zu wenden. Der erklärt, fragt, provoziert und gibt Beispiele; steht dabei nicht still, demonstriert den Schauspielern, was er sieht und was er nicht sieht, fordert sie heraus und bittet sie noch mal, es wieder zu versuchen. Dabei geht es nicht um den Text und das einstudieren von Bewegungen und Gestik, sondern um den Inhalt und darum, diesen glaubwürdig und verständlich darzustellen. Professor Jurij Vasiljev, der an der staatlichen Akademie für Theaterkunst in St. Petersburg unterrichtet, versucht die Darsteller dazu zu bringen, eigene Vorstellungen und gemachte Erfahrungen in der konkreten Bühnensituation neu mit Körper und Stimme zu gestalten und so der gespielten Persönlichkeit Leben einzuhauchen. All das möchte er im Spiel und durch das Spielen erreichen. Die im Herbst 1996 gegründete Theaterwerkstatt AllgäuPfeffer aus Kempten arbeitet schon zum zweiten Mal mit der Koryphäe aus St. Petersburg zusammen. In dem achttägigen Intensivseminar erspielen und erarbeiten sich die Laienschauspieler das Stück "So eine Liebe" von Pavel Kohout, das sie als Werkstattergebnis zum Abschluss im Stadttheater Kempten zeigen werden. Die Zusammenarbeit erweist sich für beide Seiten als sehr wertvoll. Professor Vasiljev genießt nach eigenen Aussagen die Arbeit mit dem "sehr interessierten und engagierten" Allgäuer Ensemble. AllgäuPfeffer tritt am heutigen Samstag um 20 Uhr im Kemptener Stadttheater auf.

 


 

 

Allgäuer Anzeigeblatt / Allgäuer Zeitung (2002)

Im Tod wie ein Star

„King Kongs Töchter“ bieten einen makaberen Service

Von Klaus Schmidt
Immenstadt Ältere Menschen erinnern sich oft gern an die Vergangenheit. Die Zeit, in der sie selber jung waren, an ihre Schlager- und Leinwand-Idole. Doch ist daraus nicht unbedingt zu schließen, dass sie selber gerne einmal so sein möchten wie diese Show- und Filmstars. Und schon gleich gar nicht, dass sie unbedingt so sterben möchten wie jene. Doch genau diesen Service bieten drei Pflegerinnen den Bewohnern eines Altersheims. Und zwar in Theresia Walsers Theaterstück „King Kongs Töchter“, das das Laien-Ensemble „Allgäu-Pfeffer“ mit Professionalität und Phantasie im Immenstädter Hofgarten zeigte. „Sterben ist klein genug, da darf man ruhig übertreiben“, meinen die drei Altenpflegerinnen und entwickeln daraus ihre makabere Philosophie. Sie verschaffen ihren Patienten einen glamourösen Abgang und werten dadurch ihre eigene Stellung auf: zu „Chefdisponentinnen des Todes“, zu „Stewardessen für die letzte Reise“. So versuchen sie ihre eigene Sehnsucht zu stillen. Die Sehnsucht nach Erfolg und einem Beruf, auf den man stolz sein kann. Denn bisher blieb ihnen gesellschaftliche Anerkennung offenbar versagt. Mit wildem Eifer stürzen sie sich deshalb auf die im Rollstuhl dahinvegetierende, von ihrem Sohn abgeschobene Frau Torwald, schminken und kostümieren sie als Mae West und sorgen dafür, dass sie mehr oder weniger sanft entschlummert. Ein Ende, das erstrebenswert erscheint? Ein Absprung aus dem Karussell der Eintönigkeit: Wie müde gewordene Raubkatzen im Käfig drehen die Bewohner im Heim ihre immer gleichen Runden, von der Außenwelt abgeschnitten: Sie bewegen sich im immer gleichen Trott, hängen den immer gleichen Gedanken nach, lassen sich auf die immer gleiche Art bevormunden. Die Ausweglosigkeit der Situation machen Inszenierung und Bühnenbild von Johanna Tögel deutlich: Die Altenheimbewohner können sich während des gesamten Spiels niemals vor den Blicken des Zuschauers zurückziehen. Ihre Zimmer sind einsehbar auf einem offenen Gerüst im Hintergrund untergebracht, die Privatsphäre zur Schau gestellt. In diesem Dauereinsatz geben die Darsteller jeder Figur ein sehr persönliches Profil: Eva Marischka mimt zum Beispiel die etwas einfältige und dennoch kesse Gerti, die sich den zufällig irgendwo aufgelesenen jungen Abenteurer Rolfi (Frank Wiele) schnappen möchte. Oder Ulrike Rogg kennzeichnet Herrn Nübel als einen Mann, der stets gute Laune verbreitet. Selbst dann noch, als er Rolfi versehentlich durch einen Stromschlag ins Jenseits befördert hat. Solches Skurrilitäten-Kabinett zeichnen Regie wie Schauspieler durchaus realistisch. Das macht das Stück der Tochter des Schriftstellers Martin Walser um so erschütternder. Denn auch die Titelheldinnen sind dank des darstellerischen Talentes von Christine Fleischhauer, Beate Schmid und Gabriele Sodeur keine Schreckschrauben, sondern Menschen mit Sehnsüchten und Leidenschaften. So bleibt dem Zuhörer bei den zahlreichen grotesken Pointen dieses von der Zeitschrift „Theater heute“ als „Stück des Jahres 1999“ ausgezeichneten Werkes das Lachen oft im Halse stecken. Zum Beispiel wenn King Kongs Töchter die Kostümierung der Todeskandidaten verteidigen: „Sterben und sich selbst dabei noch ähnlich sein, das ist zuviel verlangt.“

Allgäu-Pfeffer zeigt Theresia Walsers Stück „King Kongs Töchter“ am Samstag, 2. Februar, um 20 Uhr im Stadttheater Kempten sowie am Samstag, 9. März, um 20 Uhr in der Markthalle Sonthofen.

 

 



Theaterwerkstatt AllgäuPfeffer    mueller.christoph@allgaeu.org / Tel: 0831 87836